Oktober 2026
Referenz
Casa Corbezzolo
Richard Neutra hat in Kalifornien mehr als 150 Häuser gebaut, an der Ostküste der USA dagegen nur wenige. Eines davon steht auf einer bewaldeten Anhöhe über dem Saugatuck River in Weston, Connecticut. Neutra entwarf es 1955 für die Theaterarchivarin Betty Corwin und ihren Mann Henry, einen Hautarzt. Ein Jahr später war es fertig, das erste von drei Häusern, die er in Connecticut baute.
Dabei hatten die Corwins Neutra zunächst nur um eine Empfehlung gebeten. Sie suchten einen Architekten an der Ostküste, der ähnlich funktional baute wie er und mit ihrem bescheidenen Budget zurechtkam. Doch das Grundstück reizte Neutra, sodass er den Auftrag selbst übernahm. Er bat die Familie, ihm in einem Brief zu beschreiben, was Zuhause für sie bedeutet. Daraus wurde ein Briefwechsel mit Hunderten von Schreiben, bis hin zu Fragen, wo ein Küchenfenster sein sollte und wie der Wohnraum im felsigen, bewaldeten Gelände liegen sollte.
So entstand ein Haus aus Backstein, Glas und Redwood, mit Einbauschränken aus Esche, weiss verputzten Wänden und einem Boden aus dunklem Schiefer, der von den Innenräumen bis nach draussen reicht. Durch den zweigeschossigen Eingang gelangt man hinauf in den Wohnraum, dessen Rückseite vollständig aus Glas besteht. Dort tragen die «Spider Legs», die für Neutra so typisch sind, den Dachüberstand. Die Corwins wohnten bis an ihr Lebensende im Haus und veränderten kaum etwas daran.
Nach dem Tod von Betty Corwin übernahmen der New Yorker Architekturdesigner Aziz Osko und sein Partner das Haus als zweite Eigentümer. Ein Jahr lang veränderten sie nichts, weil sie zunächst sehen wollten, wie das Licht im Laufe der Jahreszeiten durch die Räume wandert. Erst danach begannen sie mit der Restaurierung und stützten sich dabei auf Neutras Originalpläne, seinen Briefwechsel mit der Familie und den Baubeschrieb aus dem Neutra-Archiv der UCLA.
Die Spider Legs wurden nach diesen Unterlagen neu angefertigt. Die Glasfläche, die die Corwins in den 1980er-Jahren unterteilt hatten, ist heute wieder durchgehend und in der Küche kam die ursprüngliche Innenverglasung wieder zum Vorschein. Sogar das Lichtband entlang des Dachüberstands, das Neutra gezeichnet, aber nie gebaut hatte, wurde nun mit LEDs verwirklicht.
Nur bei den Schiebefenstern reichte eine Restaurierung nicht aus. Neutra hatte damals das Modernste eingebaut, was es gab: Schiebefenster aus Aluminium mit einfacher Verglasung. Sie öffneten das Haus zur Landschaft, hielten aber weder Kälte noch Hitze ab.
Osko ging es beim Bewahren des Hauses nicht um die Substanz allein, sondern um die Idee dahinter. Neutras Vision war ein Wohnraum, der sich zur Landschaft hin öffnet. Deshalb ersetzten die neuen Eigentümer die alten Schiebefenster durch Sky-Frame Classic. Das System folgt demselben Prinzip und denkt Neutras Gedanken zu Ende: Glas vom Boden bis zur Decke, das sich zur Seite schieben lässt, mit nur 20 Millimeter schmalen Vertikalprofilen und ohne sichtbaren Rahmen.
Ob in geöffnetem oder geschlossenem Zustand, es bleibt das Gefühl, dass die Natur bis in den Raum hineinreicht. Und dennoch steht das System einer herkömmlichen Tür bei der Wärmedämmung in nichts nach. Dank vollständiger thermischer Trennung und Isolierglas ist siebzig Jahre später Wirklichkeit geworden, was Neutra sich für dieses Haus vorgestellt hatte.