Ein Neutra-Haus, weitergedacht von Aziz Osko.

Auf einer bewaldeten Anhöhe in Connecticut steht eines der seltenen Ostküstenhäuser von Richard Neutra. Aziz Osko verliebte sich auf Anhieb in dieses Haus. Er hat es unter grösster Rücksichtnahme auf Neutras ursprüngliche Vision renoviert und sieht sich mehr als dessen Hüter denn als Eigentümer. So entsteht zwischen Erhalten und Weiterdenken ein Haus, das Neutras Idee mehr denn je erfüllt.

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Aziz Osko hat einen Richard-Neutra-Bau in Weston, Connecticut, respektvoll modernisiert und Ideen fortgeführt, die der Architekt vor siebzig Jahren nicht umsetzen konnte.

Rund eine Autostunde von New York entfernt versteckt sich in einem hügeligen Waldstück hoch über dem Saugatuck River eine Architekturperle: Dort vollendete der stilprägende Mid-Century-Architekt Richard Neutra 1956 das „Corwin House“. Eine Seltenheit: Nur drei Häuser hat er überhaupt in Connecticut gebaut. Die Auftraggeber Betty und Henry Corwin hatten Richard Neutra damals eigentlich nur gefragt, ob er ihnen einen stilistisch ähnlich arbeitenden Architekten an der Ostküste empfehlen könnte. Neutra war vom Grundstück am bewaldeten Fluss so angetan, dass er den Auftrag kurzerhand selbst übernahm.

„Wir betrachten uns eher als Hüter dieses Hauses, nicht einfach als diejenigen, denen der Schlüssel gehört.“

Henry und Betty Corwin verbrachten fortan ihr ganzes Leben im Haus. Als Betty 2019 starb, verkauften ihre Kinder es. Für den Architekturdesigner Aziz Osko und seinen Partner Laurent Claquin, Chief Brand Officer bei Kering, war es Liebe auf den ersten Blick: „Wir schrieben der Familie einen Brief und erklärten, was wir gefühlt haben, als wir das Haus zum ersten Mal betraten – und was uns ein Zuhause bedeutet. Auch der Fluss hinter dem Haus und der Blick auf den grossen Felsen haben uns sofort begeistert“, erinnert sich Osko.

Die Natur zu respektieren, war ein erklärtes Ziel Neutras: Der 1892 geborene österreichisch-amerikanische Architekt wurde mit Gebäuden bekannt, deren grosse Fensterfronten die Grenze zwischen drinnen und draussen verschwimmen lassen. Neutra war davon überzeugt, dass sich Architektur unmittelbar auf das menschliche Befinden auswirkt, eine Haltung, die er als Biorealismus bezeichnete. „Er hat den Menschen zugehört und wollte ihr Leben besser machen“, sagt Osko.

Bevor der Architekturdesigner das Haus modernisierte, studierte er ein Jahr lang, wie das Tageslicht im Lauf der Jahreszeiten durch die Räume wandert. Ausserdem vertiefte er sich in die Originalpläne. Die Familie Corwin hatte diese zusammen mit allerlei Dokumenten im Haus zurückgelassen. Mit Hilfe der Neutra-Stiftung (die Neutra 1962 unter dem Namen „Neutra Institute for Survival Through Design“ gründete) erhielt Osko sogar den ursprünglichen Baubeschrieb, der im Archiv der kalifornischen Universität UCLA liegt.

„Die Art, wie Neutra das Haus entworfen hat, ist sehr ausgewogen, fast wie ein Ökosystem. Alles steht miteinander in Beziehung.“

Unter den Details, die gezeichnet, aus Kostengründen jedoch nie umgesetzt worden waren, entdeckte er eine Lichtlinie entlang des Vordachs. Siebzig Jahre später setzte Osko sie mit LED um. Auch öffnete er ein Küchenfenster, das Neutra gern gebaut hätte, gegen das sich die Corwins aber am Ende entschieden hatten. „Das war für uns eine Herzensangelegenheit. Ich habe versucht, einen Teil der Arbeit zu vollenden, den Richard Neutra und sein Team begonnen haben.“

Neutra griff damals zur fortschrittlichsten Verglasung seiner Zeit. Osko glaubt, dass er einer der Ersten war, der Schiebetüren aus Aluminium einsetzte. Doch weil die damalige Einfachverglasung zu viel Kälte und Hitze ins Haus liess, tauschten die Corwins die grosse Glasfläche in den Achtzigerjahren gegen kleinteiligere Fenster aus. Um Neutras Ursprungsplan wiederherzustellen, entschied Osko sich für Sky-Frame Classic. Die rahmenlosen, hochisolierten Schiebefenster bilden eine ruhige Fläche, die sich zurücknimmt und der Aussicht die Hauptrolle überlässt. „Wir betrachten uns eher als Hüter dieses Hauses, nicht einfach als diejenigen, denen der Schlüssel gehört. Für uns ist es eine Freude, Teil des nächsten Kapitels dieses Hauses zu sein“, sagt Aziz Osko.

Architektur: Richard Neutra
Film: Borís Noir
DOP: Nikolaus Schreiber
Interview: David Basulto
Text: Valerie Präkelt