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Dezember 2018

MY POINT OF VIEW #01

Jay Osgerby in seinem Haus in London

«Design ist die Antwort auf eine schwierige Frage.»

Es ist ein kühler Herbsttag im späten September in einer versteckten Ecke Südostlondons – ein beschauliches Wohnquartier unweit der Themse. Die alten Strassen sind dicht gesäumt von Häusern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Jay Osgerby kocht Kaffee in seiner Küche, die zugleich auch Wohnzimmer ist. Dabei wirkt er fast zu bescheiden, zu nahbar für seinen Status in der Designwelt. Noch keine 50 Jahre alt, hat der in Oxford geborene Designer fast alles erreicht, was es in der Designwelt zu erreichen gibt. Mit seinem Geschäftspartner Edward Barber führt er das weltweit renommierte Designbüro Barber & Osgerby. Von diversen Entwürfen für namhafte Hersteller wie Vitra und B&B Italia über die offizielle Fackel der Olympischen Spiele in London 2012 bis hin zu einer 2-£-Gedenkmünze zum 150-Jahr-Jubiläum der U-Bahn Londons: Osgerby kreiert mit seinem Partner Ikonen und tut dies mit einer gewissen Rastlosigkeit: «Ich finde es schwierig, nicht an die Arbeit zu denken – ich denke immer an das, was wohl als Nächstes kommt, bin immer in Bewegung.» 

Jay Osgerby spricht äusserst eloquent und wählt die Worte sorgfältig. Er ist ein getriebener Denker, scharf im Verstand – sanft im Umgang. Bei diesem ersten Gedankengang blickt er in den Garten und geniesst: «Was ich am meisten vermisst habe, seit ich in London lebe, ist die Möglichkeit, den Himmel zu sehen. Wir verbringen unsere Tage damit, in von Menschen gemachten Gebäudeschluchten umherzuwandern. Ich bin auf dem Land aufgewachsen – den Horizont zu sehen, ist etwas, was mir gefehlt hat.» 

Die vermisste Aussicht auf den Himmel hat er sich zurückgeholt. Beim Umbau seines Hauses aus den 1870ern, der kürzlich fertig gestellt wurde, hat sich Osgerby entschieden, im Erdgeschoss Küche und Wohnzimmer zu kombinieren. Da das Erdgeschoss feucht und in einem schlechten Zustand war, kam er auf die Idee, den Boden um 1,5 Meter zu senken, um zusätzliche Höhe und damit auch mehr Volumen zu kreieren. Entstanden ist ein bemerkenswert wohnlicher, hoher Raum mit enormem Volumen. Die zum Garten weisende Fassade wurde geöffnet, und Sky-Frame-Fenster wurden integriert. 

«Wir haben einfach eine Öffnung kreiert, um Licht in den Raum zu lassen. Damit haben wir auch eine Aussicht geschaffen. Je breiter die Sicht, je grösser die Öffnung, desto stärker ist man von der Aussicht absorbiert – man wird ein Teil der Landschaft draussen.»

Osgerby hat Sky-Frame bei einem Besuch des VitraHaus von Herzog & de Meuron im süddeutschen Weil am Rhein entdeckt. «Volumen und Licht sind die wichtigsten Zutaten, um einen guten Raum zu gestalten. Mit der Absenkung war das Volumen gegeben. Viel Licht zu haben, war das Zweitwichtigste für mich. Das Sky-Frame-System war das beste Produkt, das ich auf dem Markt finden konnte. Ich wollte ein System, das so gut wie unsichtbar ist in geschlossenem Zustand – so fühle ich mich nicht wie in einem Gefängnis.» Die alte Bausubstanz mit der entsprechenden Architektur, vereint mit viel Lichteinfall, ergibt das Gefühl der Weite.

«Ich wollte das Haus mehr oder weniger komplett neu gestalten», meint Osgerby. Wichtig war dabei für ihn, dass das Haus für die ganze Familie funktioniert und sich den Bedürfnissen der heranwachsenden Kinder anpasst. Mit seinen drei Kindern, zwei davon im Teenageralter, ist das Haus voller Leben. «Ich sehe das Leben in Schichten: Der Sockel – die Erde – verkörpert die Familie und Freunde. Die nächste Schicht steht für alles, was geteilt, genossen und erlebt wird – wie gutes Essen und guter Wein, das Reisen und das Lernen. Die oberste Schicht – der Himmel – ist der Ort des Arbeitens und Ausprobierens, der Möglichkeiten.» 

Jay Osgerby spricht über seine Arbeit als Designer
Jay sieht sich einen Fotodruck an.

Die Wände sind reinweiss, das selbst realisierte Design der vom lokalen Schreiner hergestellten Küche schlicht und wohnlich. Unzählige historische Sammlerstücke und solche neueren Datums zieren Regale und die selbst designte Vitrine. Sie erzählen Geschichten von einem ereignisreichen Leben und vielen Reisen. Kunst schmückt die Wände, darunter auch Werke sehr namhafter Künstler. Zentral im Raum steht der Home Table mit den Ballot Chairs aus eigener Kollektion – skandinavisches Flair, kombiniert mit enormer Behaglichkeit. Pur und dennoch so einladend: «Sky-Frame ist so puristisch, wie nur möglich – und das wegen der Ingenieurskunst, die in das Produkt geflossen ist. Es wurde viel Energie in etwas investiert, das letztlich kaum wahrgenommen wird. Und darin liegt der Triumph.» Osgerby und Sky-Frame sind ein guter Match: «Ich habe grosse Freude daran, Probleme zu lösen – einen Weg zu finden, Dinge besser zu machen.» 

Dass Osgerby als Designer vor allem auch an Volumen denkt und die Wirkung von Licht in seine Arbeit miteinbezieht, hat seinen Grund: Seinen ersten Abschluss machte er in Design, den Master aber in Architektur. «Als Möbeldesigner denkst du über das Objekt nach. Du denkst an den Körper und daran, wie dieser auf dem Objekt sitzt und wie das Objekt schliesslich hergestellt wird. Du denkst aber weniger darüber nach, wie das Objekt im Raum wirkt. Die Sensibilität für Architektur lässt mich immer über Raum nachdenken», sagt er.

Jay Osgerby in den Strassen von London.
Jay Osgerby in London.

Wenn man Kenner fragt, was die Designsprache von Osgerby und Barber ausmacht, wird man kaum einheitliche Antworten bekommen. Die Vielfalt ist Konzept und – vor allem – der stete Fortschritt, die Orientierung an der Zukunft: «Es ist wichtig, erkennbar zu sein, um zu verkaufen. Kommerzieller Erfolg war uns aber nie wichtig. Wir versuchen immer und immer wieder, diese Einschränkungen zu überwinden und uns neuen Herausforderungen zu stellen.» Auf die Frage, was seiner Meinung nach gutes Design ausmacht, meint er schlicht und treffend: «Design ist die Antwort auf eine schwierige Frage.»

Wenn Jay Osgerby spricht, spürt man pure Authentizität. Osgerby ist und lebt Design in all seinen Facetten: «Was ich tue, definiert mich. Ich habe auch fast nie etwas anderes gemacht, und es ist zum grossen Teil das, was mich interessiert neben der Familie. Ich erwache morgens und denke nie darüber nach, ob ich jetzt arbeiten gehe oder nicht. Ich stehe auf und tue eben, was ich tue.» Osgerby hat mit seiner Passion eine Arbeit gefunden, die ihm das Gefühl gibt, nie zu arbeiten. 

Tisch im Haus von Jay Osgerby
Fundus von Jay Osgerby

Gefunden hat Jay Osgerby nicht nur seine Passion für das Design, seit einigen Jahren ist er auch leidenschaftlicher Fotograf. Seine Bilder sprechen von den vielen Reisen, die er unternimmt. Seine letzte Reise führte ihn mit der transsibirischen Eisenbahn von Russland in die Mongolei. Osgerby sucht auch als Fotograf den Raum, die Weite. Seine Bilder strahlen eine Ruhe aus – Natur verbindet sich immer wieder mit exakten geometrischen Linien und Formen. «Vielleicht schafft die Fotografie für mich die Balance – sie erlaubt mir im Moment zu sein, für einmal nicht an die Zukunft zu denken.» Der rastlose Osgerby hält für einmal inne, als er die vor ihm liegenden frischen Drucke seiner Fotografien gerührt betrachtet. Die mit seiner treuen Begleiterin, einer Leica M10, geschossenen Bilder wären jeder Ausstellung würdig. Osgerby bleibt auch hier zu bescheiden dafür: «Da ist noch nichts – es ist nur der Beginn einer neuen Leidenschaft.» 

  • View from the Trans-Mongolian train window on the entry to China.
  • Early morning on the Mongolian steppes, the Get Camp on the right.
  • Staggering landscape on the border of the Gobi Desert.
  • The Gobi Desert, Mongolia taken from inside the restaurant car on the Trans-Mongolian train.
  • The layered landscape surrounding the Great Wall of China.
  • View from the Trans-Mongolian train window on the entry to China - Photo taken by Jay Osgerby
  • Early morning on the Mongolian steppes, the Get Camp on the right - Photo taken by Jay Osgerby
  • Staggering landscape on the border of the Gobi Desert - Photo taken by Jay Osgerby
  • The Gobi Desert, Mongolia taken from inside the restaurant car on the Trans-Mongolian train - Photo taken by Jay Osgerby
  • The layered landscape surrounding the Great Wall of China - Photo taken by Jay Osgerby

Jay Osgerby gründete das Designstudio Barber & Osgerby mit seinem Mitstudenten Edward Barber 1996 in London. 2001 schufen sie das Universal Design Studio, ein Studio für Architektur und Innenarchitektur, und 2012 folgte das Map Project Office, welches auf Forschung und strategiebasiertes Design spezialisiert ist.

 

Ihr umfassendes Portfolio reicht von Industriedesign und Möbeln über standortspezifische Installationen bis hin zu Werken in limitierter Auflage. Zu den öffentlichen Aufträgen gehören die olympische Fackel für die Spiele 2012 in London und Projekte für die Royal Mint, die Münzprägeanstalt des Vereinigten Königreichs. Ihre Werke sind in den Dauerausstellungen von Museen auf der ganzen Welt zu finden, zum Beispiel im V&A Museum und im Design Museum in London, im Metropolitan Museum of Art in New York oder im Art Institute of Chicago.

 

Osgerby schloss seinen Master in Architektur am Londoner Royal College of Art ab. 2004 erhielten Barber & Osgerby den angesehenen Jerwood Applied Arts Prize. 2007 verlieh die Royal Society of Arts Osgerby die Auszeichnung Royal Designer for Industry. Von der Oxford Brookes University erhielt er die Ehrendoktorwürde, und er ist Fellow des Ravensbourne College. 2013 wurde Osgerby zum Officer of the Order of the British Empire (OBE) für seine Dienste für die Designindustrie ernannt. 

 

Das Studio arbeitet derzeit mit den weltweit führenden Herstellern Axor, B&B Italia, Flos, Hermès, Knoll and Vitra zusammen.
 

Film: Luzian Schlatter | Konzept: New ID | Text: Shift to Clarity